Überforderung im Alltag

Heute hatte ich ein Erlebnis, welches mir wieder zeigte, wie wichtig für uns Menschenmütter doch Unterstützung ist und das wir nicht dazu gemacht sind Kinder allein aufzuziehen.

 

Nachmittags gehe ich mit meiner jüngsten und unserem Familienhund spazieren, bevor wir die Große aus dem Kindergarten abholen. Wir waren noch gar nicht weit gekommen, weil der Hund ja alle paar Meter schnüffeln will, da hörte ich hinter mir jemand lautstark schimpfen. Eine Mutter ging mit Baby im Kinderwagen und größerer Tochter hinter uns. Sie schimpfte sie die ganze Zeit lautstark aus, dass sie schneller laufen solle. Sie zog sie grob zu sich um sie an die Hand zu nehmen. Das Kind schrie und wollte sich von ihr nicht an die Hand nehmen lassen. Die Mutter wurde immer wütender und schrie sie an sie solle nicht so ein Theater machen und fasste das Kind wieder grob an und zerrte es mit sich. Das Kind weinte. So ging das immer hin und her.

 

In mir regte sich heftiger Schmerz weil ich solche Situationen ebenso kenne. Da gibt es Tage an denen wir Mütter einfach nicht mehr können. Die Energiereserven sind alle und wir hoffen einfach nur dass wir irgendwie den Tag überstehen können. Auch wenn wir unseren Kindern gegenüber immer empathisch und liebevoll sein wollen und es überwiegend auch sind, an diesen Tagen sind wir ungerecht und wütend.

 

Das Kind, welches den ganzen Tag in der Kita verbringt ist müde und ausgelaugt. Es kann nicht mehr kooperieren. Es weint und schreit und kann nicht so schnell gehen wie es die Mutter gerne hätte. Ich merke wie die Wut der Mutter wächst, weil gerade nichts mehr geht.

 

Ich sehe diese Szene vor mir und überlege was ich tun kann. Was ich tun soll. Ich verstehe die Mutter, die einfach schnell nach Hause will und in ihrer offensichtlichen Überforderung die Grenze zwischen richtig und falsch nicht mehr spüren kann. Ich sehe das Kind, welches die Anforderungen nicht erfüllen kann, denn die Beine sind noch zu klein, um dem Schritt der Mutter mitzuhalten.

 

Ich entscheide mich die Mutter anzusprechen, als sie an uns vorbei kommt und bitte sie doch einen kurzen Moment einfach mal durchzuatmen. Ich wiederhole diese Bitte mehrfach. Doch die Mutter ist so in Rage, es dauert lange bis sie mich wahrnimmt. Die Stressreaktion der Mutter ist jedoch schon so weit fortgeschritten, dass sie aus dieser Spirale nicht heraus kommt. Sie kann sich nicht auf mich einlassen. Denn in diesem Moment kann der Verstand nicht mehr durchdringen. Jetzt wird nur reagiert, um dem Stressauslöser abzuschalten. Das ist in ihren Augen gerade das Kind. Also schimpft sie weiter auf es ein und setzt ihren Weg fort.

 

Beide tun mir unendlich leid. Denn ein kurzer Moment des Innehaltens lässt uns wieder klarer werden. Der Verstand könnte dann wieder übernehmen.

 

Ich setze meinen Weg fort und bemerke wie eine andere Frau mit ihren großen Kindern hinter der Mutter herläuft. Auch sie ist sichtlich bewegt und stoppt die immer noch auf ihr Kind einschreiende Mutter und spricht mit ihr. Nun richtet sich die Wut der Mutter gegen die andere Frau und sie schreit heraus, dass sie 24 Stunden am Tag ganz allein nur für ihre Kinder da ist. Sie kann nicht mehr und sie sei alleinerziehend. Sie wirft der anderen Frau entgegen, dass diese ja keine Ahnung habe. Die Mutter läuft mit ihrem weinenden Kind weiter und verschwindet zwei Eingänge weiter im Haus. Sie sind nun nach endlosen 10 Minuten des Schreiens endlich zuhause angekommen.

 

 

 

Ich kenne solche Tage auch, wo ich einfach nur nach Hause möchte, wo ich keine Kraft mehr habe um auf dem Weg mit meinen Kindern die Blumen, die Vögel, die Blätter anzuschauen. Wo ich mir wünsche, dass alles einfach funktioniert. Aber so ist das Leben nicht. Kinder haben so feine Antennen. Gerade wenn wir großen Stress haben, sogar so viel Stress haben, dass unser Verstand von der Stressreaktion vermindert wird, dann springen unsere Kinder mit auf den Zug auf. Es macht einfach Bäm und nix geht mehr. Wir werden ungerecht und fordern Dinge von unseren Kindern, die sie unmöglich leisten können. Ein müdes Kind zum schneller laufen zu bewegen ohne das es anfängt zu weinen oder gar zu schreien, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

 

Auch wenn es leicht wäre der Mutter die Schuld zu geben. So leicht ist es nicht. Es ist nicht des Kindes Schuld und auch nicht die der Mütter. Es ist unsere Gesellschaft, die sich dahingehend entwickelt hat, das gerade Mütter die meiste Zeit des Tages mit ihren Kindern allein sind. Das ignoriert wird, welch harte Arbeit insbesondere Alleinerziehende jeden Tag leisten.

 

 

 

An Tagen an denen ich in der Situation der Mutter bin, komme ich zuhause an und weine um die Ungerechtigkeit. Die Ungerechtigkeit, dass ich eine Mutter dieser Gesellschaft bin, ohne Hilfe dieser Doppelbelastung ausgesetzt und ich weine um die Ungerechtigkeit die meine Kinder durch meine Überforderung erfahren mussten. Wenn meine Wut und Traurigkeit verschwunden sind, dann nehme ich meine Kinder ganz fest in den Arm und bitte sie um Verzeihung. Und dann nehme ich mir vor es besser zu machen und das heißt zuallererst, dass ich mir Unterstützung organisiere.

 

Denn wir Menschen sind nicht dazu gemacht alleine unsere Kinder groß zu ziehen. Wir sind eine kooperativ aufziehende Art. Wir Mütter brauchen Zeit um unsere Energiereserven aufzufüllen, Zeit um durchzuatmen, Zeit einfach Frau zu sein und sich im Mutterdasein nicht zu verlieren. Wir brauchen ein Netz von Menschen die uns mit unseren Kindern helfen. Und auch unsere Kinder brauchen verschiedene Menschen um sich, von denen sie lernen können. Ich habe letzte Woche einen Wundervollen Satz gelesen: "Geht es den Müttern gut, dann geht es auch den Kindern gut."

 

 

Ausgeglichene Eltern, haben ausgeglichene Kinder. Aus ausgeglichenen Kindern werden wiederum ausgeglichene Erwachsene und dies kommt am Ende der ganzen Gesellschaft zugute.

 

Daher lasst uns nicht wegschauen, wenn eine Mutter anzeichen von Überforderung zeigt. Lassen wir sie sehen, dass sie nicht allein ist und sie von uns gesehen wird in ihrer Not und reichen wir ihr die Hand.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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