Artgerecht - Schlafen

 

"Schläft es schon durch?!"

 

Ich habe den Eindruck, dass in den letzten Jahren dieses Thema immer mehr Eltern beschäftigt und das dieses die Sauberkeitserziehung aus der vorherigen Generation abgelöst hat. Wirklich jeder, ob er nun Kinder hat oder nicht, hat eine Meinung beizutragen und die Anzahl der Ratgeber steigt immer mehr an. Ich stelle mir nun die Frage, ob unsere kleinen Babys wirklich irgendwo im Laufe der menschlichen Entwicklung verlernt haben wie schlafen geht und vielleicht deswegen die „Schlafprobleme“ bei kleinen Kindern zunehmen?

Für uns Eltern ist das Thema so präsent, weil es für uns einen großen Unterschied macht, ob wir genügend Schlaf bekommen oder nicht. Daher möchte ich mit euch heute gern einmal einen Blick darauf werfen, wie unsere kleinen Menschenbabys in Sachen Schlafen eigentlich so ticken, welche Vorrausetzungen sie mitbringen und welche Rahmenbedingungen sie brauchen, um gut zu schlafen und möchte mit euch gemeinsam eine Antwort auf die Frage finden, ob unsere Babys das Schlafen irgendwie verlernt haben.

 

Tja da haben wir uns die ganze Schwangerschaft über vorgestellt wie das Leben mit einem kleinen Baby so sein wird, aber das was die meisten Eltern dann erwartet hatten sie so nicht auf dem Schirm. Durchwachte Nächte bis weit ins zweite Lebensjahr hinein zum Beispiel. Spätestens jetzt merken die jungen Eltern das Babys wohl ganz anders schlafen als wir Erwachsenen. Die Natur hat sich da was ausgedacht, was schon Jahrtausende funktioniert. Nur leider hat die Natur die Rechnung ohne die moderen Welt gemacht die Menschen hervorgebracht hat, die nun meist in Kleinfamilie zusammen leben. Doch die Natur stört das herzlich wenig und sie lässt sich davon auch nicht aus der Ruhe bringen oder dazu verleiten die Programme der Babys upzudaten. Sehr zum leidwesen der heute in Kleinfamilien lebenden Eltern, die nun kleine Menschenbabys großziehen, die noch immer das volle artgerechte Betreuungsprogramm  beim Großwerden einfordern, welches eigentlich nur ein Clan aufbringen kann.

 

Ja, Babys schlafen anders und das ist auch gut so, denn würde ein kleines Neugeborenes genauso tief schlummern wie wir großen, dann wäre es vor vielen Jahrhunderten wohl ziemlich schnell ein totes Baby gewesen.

In unseren Kindern lebt noch immer die Evolution der vergangenen Jahrtausende fort. Leider ist bei ihnen noch nicht angekommen, dass wir nun in sicheren, warmen Häusern leben und die einzige Gefahr von einer kleinen Mücke ausgeht, die sich irgendwie durchs Fliegengitter gezwängt hat und nun das Baby ärgert. In den Kindern läuft noch immer das selbe Programm ab, welches seit tausenden von Jahren den Kindern das Überleben gesichert hat (Ausnahmen von der Regel gibt es wie immer überall.) Unsere Kinder gehen noch immer davon aus, dass überall ein Fressfeind lauern kann oder dass der Clan, in den sie hineingeboren wurden, ohne sie weiter ziehen könnte. Das es Nachts ziemlich kalt werden kann. Für unsere Kinder bedeutet all dies, dass es so ziemlich das unsinnigste überhaupt wäre, allein im eigenen Bett in einem einsamen Zimmer tief und fest vom Abend bis zum Morgen zu schlafen. Und das das für die meisten Babys heute auch zutrifft, zeigen die tausenden von Einträgen in Elternforen zum Thema Schlafen. Da fragen verzweifelte Eltern nach dem "Warum?".

 

Der Mensch muss schlafen, das wissen wir alle, weil unser Gehirn bei seiner Arbeit auch Abfall produziert und der igrendwann mal abgebaut werden muss und das macht unser Gehirn halt klugerweise im schlaf.

 

Der Weg ins Traumland (entnommen aus "Schlaf gut Baby - von Nora Imlau"

 

1. Eine Zelle braucht immer Energie für ihre Arbeit und damit diese nicht plötzlich alle ist, entsteht der Botenstoff Adenasin der anzeigt das die Energie schwindet --> Müdigkeit.

2. Zwischenhirn (Hypothalamus) reguliert alles was lebensnotwendig ist (Herzschlag) und bekommt die Müdigkeitsbotschaft und führt dann einen Check-Up des Körpers durch (Hunger, Durst, Wärme, Sicherheit usw.). positiver Check: Ruhemodus eingeleitet --> weiter mit Schritt 3

negativer Check: bedeutet kein Schlaf möglich--> bitte erst mal Bedürfnisse abklären

3. Suprachiasmische Kern - Biorhythmus spielt beim Schlafen auch eine Rolle (ab 12 Monate haben Kinder Strategien ob sie der Müdigkeit nachgeben oder nicht). Bedeutet: wenn das Kind lieber wach bleiben will, um Entwicklungsaufgaben nachzugehen, wird es wohl nicht so einfach einschlafen.

4. Hormone spielen eine Rolle --> biochemische Botenstoff:

Schlaf-, Sättigungs-und Bindungshormon sind Schlaf erleichternd

Hunger-, Wachstums- und Stresshormon sind Schlaf erschwerend

5. bis hierhin alles ok? Dann gibt der Vagusnerv ein Ruhesignal durch den Körper

6. Ruhesignal kommt in Muskeln und Organe an  --> Körpertemperatur sinkt, Herzschlag wird langsamer, Blutdruck sinkt, Nieren fahren Leistung zurück (Babys machen Nachts weniger Pipi), Atmung wird tief und regelmäßig, Muskeln verlieren Spannung, Augen fallen zu

7. Kind schläft: hurra :-) (bzw. Störung im Ablauf?: Kind wieder wach --> Gehe wieder zurück auf los)

Es braucht ca. 20 Minuten von Punkt eins bis sieben wenn alle Bedingungen stimmen. Das Kind sollte also Müde sein und es sollten alle Grundbedürfnisse erfüllt sein. Wenn diese Bedingungen stimmen, können Kinder so selbstverständlich schlafen wie sie Atmen können.

 

Unterschied Babyschlaf und Erwachsenenschlaf?

- Baby beginnt mit der leichten Schlafphase

- Erwachsene mit der Tiefschlafphase (Energie auffüllen)

- Schlafzyklus Baby 50-70 Minuten

- Schlafzklus Erwachsener 1-2 Stunden

- Babys starten mit dem REM (Traum- / Entwicklungsschlaf)

Ein extremer Tiefschlaf wie bei Erwachsenen ist für Babys nicht sinnvoll, weil sie gefährliche Umstände nicht beenden könnten (Atemaussetzer, Bezugspersonen sind nicht mehr da, es ist ihnen zu kalt, usw.

- dauerhaftes Durchschlafen vor 3.Geburtstag ist eher die Ausnahme

 

Woran erkennen wir, dass Menschenbabys nicht fürs Alleineschlafen gemacht sind?

- Herzschlag (Co-sleeping reguliert bei Babys den Herzschlag),

- Atmung (haben noch Atemaussetzer und brauchen „Unterstützung“, um in ihren Rhythmus wieder einzusteigen),

- Temperaturregulierung (können zu Beginn schlecht ihre Temperatur halten),

- kontinuierliche Nahrungszufuhr (auch nachts für Gehirnwachstum nötig, da es im ersten Lebensjahr so schnell wächst),

- noch andere Zusammensetzung der Schlafphasen (Tiefschlafphase und REM Schlafphase)

 

Was brauchen Babys und Kleinkinder nun um gut zu Schlafen?

Babys brauchen einen Schlafplatz nah bei einer Bezugsperson (Familienbett, Babybalkon, Bett im Schlafzimmer), somit ist immer jemand in ihrer Nähe der schnell auf ihre Bedürfnisse eingehen kann und das Baby kann sich sicher sein, dass es am Morgen nicht vergessen wird. Diese Sicherheit braucht es, da es ja nicht Wissen kann das wir längst Babyphone erfunden haben und selbst beim Schlafen im eigenen Zimmer sofort jemand kommen würde.

Während der Stillzeit bei der Mutter zu schlafen, hat den Vorteil, dass das Kind Nachts trinken kann und somit genug Engergie für die Gehirnentwicklung bekommt, welche gerade im ersten Lebensjahr enorm ist. Daher trinken viele Kinder Nachts besonders viel, weil das Gehirn auch Nachts auf hochtouren läuft. Schlafen Mutter und Baby zusammen wurde in Untersuchungen im Schlaflabor festgestellt das sich deren Schlafphasen angleichen. Eine Mutter deren Schlafphase sich an die des Babys angepasst hat, wird eher nicht aus ihrer Tiefschlafphase geholt, wie es bei einer Mutter der Fall wäre, die das Baby im Babyphone weinen hört und aufstehen muss um ins andere Zimmer zu gehen. Ernstaunlich ist, das Mütter laut Untersuchungen Nachts stündlich bis zu 40x unbewusst checken ob es dem Baby gut geht wenn sie zusammen schlafen. Auch die Babys wachen Nachts häufig aus ihrer leichten Schlafphase auf um sich zu vergewissern, dass alles in Orndung ist. Sie checken ob alle ihre Bedürfnisse noch erfüllt sind. Mütter berichten, dass sie ihr Kind bei den ersten Hungeranzeichen im Halbschlaf anlegen und dann weiter schlafen können. Das Baby muss somit nicht erst mit Weinen auf seine Bedürfnisse aufmerksam machen. Weinen hätte vor vielen Jahrtausenden Fressfeinde auf den Plan gerufen und es hätte Energie verschwendet, welche die Mutter Mühsam durch ihre Muttermilch wieder auffüllen hätte müssen. Von der Natur ist es daher nicht vorgesehen, dass Babys vor Ende der Stillzeit allein schlafen. Wenn wir uns Jäger-und Sammler Kulturen anschauen, die heute genau so leben wie wir noch vor einigen Jahrhunderten, so stellen wir fest, das niemand dort auf die Idee käme allein zu schlafen oder gar Babys in einem Extra Zelt schlafen zu lassen. Auch Kinder schlafen nach Ende der Stillzeit weiterhin mit anderen Bezugspersonen zusammen.

 

 

 

SIDS

(wird noch ergänzt)

 

 

 

Was sind Schlafbrücken?:

Stillen, Tragen, Schnuller, Wiegen, Kinderwagen, Auto. Behaltet immer die Kosten im Blick. Seid ihr bereit diese Schlafbrücke für eine sehr lange Zeit beizubehalten? Sie lassen sich zwar verändern, aber nur langsam und behutsam und mit hoher wahrscheinlichkeit enormen Protest des Babys. Daher bitte vorher gut überlegen.

Stillen ist von Natur aus eine sehr sinnvolle Schlafbrücke. Durch das saugen an der Brust wird das Hormon Oxytocin frei gesetzt und Baby und Mutter werden dadurch Müde.

 

 

"Artgerecht schön und gut, aber ich bin total fertig!" - Hilfe für übermüdete Eltern:

Eltern (gerade Mütter) schlaft immer dann schlafen, wenn eurer Baby schläft. Das klingt so simple macht aber viel aus. Immer mit hinlegen und gerne noch zehn Minuten am Smartphone daddeln. Fallen euch die Augen zu oder schlaft ihr ein, braucht, ihr den Schlaf. Seid ihr nach 5-10 Minuten noch wach, dann könnt ihr gern aufstehen oder im Bett liegen bleiben und weiter mit dem Smarthone daddeln oder ein Buch lesen oder Musik hören (mit Kopfhörern) oder ... Sucht euch Unterstützung! Eltern brauchen viel Energie und vor allem ausreichend Schlaf um ein kleines Menschenbaby groß zu ziehen. Wir sind eine kooperativ aufziehende Art.

 

Fazit: „Haben unsere Kinder in den letzten Jahren verlernt zu schlafen?“ Nein! Sie schlafen noch immer genau so wie sie es vor Jahrmillionen Jahren getan haben und mit derselben Strategie wie sie überlebt haben. An ihrem Schlaf ist nichts falsch, nur die Umstände der heutigen Welt haben sich einfach geändert (Kleinfamilie), sodass dieses Schlafverhalten den Eltern Probleme machen kann. Sie müssen für sich organisieren, dass sie zu genügend Schlaf kommen, ohne dem Baby ihren Schlafrhythmus aufzuzwingen.

 

Antwort auf Frage „Schläft es schon durch?“ „Nein ist noch zu klein!“

 

 

Artgerechter Lebenstraum Buchtipp

Für alle die sich gern weiter zum Thema Belesen wollen empfehlen wir das wirklich gute Buch:

 

Schlaf gut, Baby!

 

zur Leseprobe

 

 

"Schlaf ist die na­tür­lichste Sa­che der Welt. Die Haupt­be­schäf­tig­ung von Ba­bys und klei­nen Kin­dern. Für ihre Ent­wick­lung genau so wich­tig wie das Wach­sein. Trotz­dem sorgt der Baby­schlaf in vie­len Fa­mi­lien für Konf­lik­te, Not und ech­te Dramen. Die na­tür­lichste Sache der Welt will ein­fach nicht klap­pen. Das hat einen Grund. Schlaf macht schutz­los, re­flex­los, machtlos.

 

Er darf nur passieren, wenn wir uns sicher und geschützt fühlen. Ein Erbe aus der Menschheitsgeschichte: wer den Tod per Kralle vermeiden wollte, war gut beraten, dem Sandmännchen Bedingungen zu stellen. Wir Großen folgen diesem Rat bis heute, punktgenau. Wer kann schon schlafen, wenn die Dielen knarren?

Auch unsere Babys folgen diesem uralten Sicherheitsprogramm − auf ihre Art. Knarrende Diehlen sind für sie kein Problem. Schlafangst bekommen sie erst, wenn sie sich alleine fühlen. Und das ist klug. Kann so ein kleiner Mensch selbst für seine Sicherheit sorgen? Kann er dafür sorgen, dass er zugedeckt wird, wenn das Feuer ausgegangen ist? Die Stechmücke abtigern, die auf sein nach Milch duftendes Gesichtchen zusteuert?

Und so beginnt das Drama, das uns heute Schlaftherapien, Schlafambulanzen und Schlaftrainings beschert. Denn auch wenn sich die Zeiten geändert haben − die uralten Bedürfnisse und Ängste unserer Kleinen sind noch da. Und sie reiben sich mit so manchem, was wir Großen heute als gut, richtig und wichtig ansehen: kleine Kinder sollen, bitteschön, in ihrem eigenen Bettchen schlafen. Sie sollen selbst einschlafen. Sie sollen lernen, sich selbst zu trösten. Bei uns klingelt schließlich morgens der Wecker. Jedes Kind kann schlafen lernen, heißt die Devise!

Wie kommen wir weiter? Gibt es Wege aus dem Schlafdilemma? Was ist dran an den Methoden, die angeblich rasch für Ruhe sorgen? Wirken Schlaftrainings, und wenn ja, wie? Vor allem aber: Wie können wir unsere eigenen Bedürfnisse in Einklang mit den Bedürfnissen der kleinen Kinder bringen? Genau darum dreht sich dieses Buch."

 

(Entnommen aus http://kinder-verstehen.de/schlaf/schlaf-gut-baby.php)